Während Fussball-Europa gerade die Frauen-EM gefeiert hat, stand im Mai auch im digitalen Sport eine europäische Meisterschaft an: die IESF European Championship 2025. In drei Disziplinen – Counter-Strike 2, Counter-Strike 2 Female und Dota 2 – kämpfte die Schweiz um ein Ticket zur Weltmeisterschaft. Das Ergebnis: Ernüchterung auf ganzer Linie. In allen drei Wettbewerben musste sich die Schweiz früh verabschieden.
Darum gehts
Was sind die IESF Championships?
Die IESF (International Esports Federation) organisiert diese kontinentalen Titelkämpfe als Qualifikationsweg für die Esports-Weltmeisterschaften. In der europäischen Ausgabe treten Nationalteams aus ganz Europa in mehreren Disziplinen gegeneinander an – von Shootern wie Counter-Strike bis zu MOBAs wie Dota 2. Der Sieger oder die besten Teams jeder Region sichern sich ein Ticket für die globalen Finals.
Counter-Strike 2 – starker Pool, wenig Spielraum
Im offenen CS2-Turnier trat die Schweiz mit Team Solid an, das sich über ein nationales Qualifier-Turnier durchgesetzt hatte. Die Gruppe, in die das Schweizer Team gelost wurde, hatte es in sich: Kroatien, Slowakei, Schweden und Spanien. Gegner mit überwiegend professionellem Hintergrund, die auf ein Vielfaches an Training und Spielpraxis zurückgreifen konnten.
Sowohl die Kroaten wie auch die Slowaken, allgemein Gamer aus der östlichen Region Europas gelten aktuell als die Next- oder New-Generation Esportler, da diese Regionen über massenhaft Nachwuchs verfügen, der bereits in einem sehr jungen Alter auf sehr hohem Niveau spielt.
Schweizer Team-Captain Matthieu aka Anton lobte zwar die Organisation des Turniers und den neuen Qualifier-Ansatz, sah aber deutliche Defizite:
„Es gibt in der Schweiz zu wenige Spieler, die auf höchstem Niveau aktiv sind. Andere Länder mit ähnlicher Bevölkerungszahl, wie Dänemark oder Finnland, haben eine tief verankerte E-Sport-Kultur – bei uns fehlt diese Breite komplett.“
Zwar konnte die Schweiz in einzelnen Runden mithalten, doch am Ende setzte sich die internationale Erfahrung der Gegner klar durch. Für Anton steht fest: „Das Potenzial ist da, aber wir müssen die Teams viel früher zusammenbringen, strukturierter trainieren und mehr eigene Ligen und Turniere schaffen. Sont wird das nichts mit der Schweiz.“
Got Matheos'ed… 🙃
— Team Solid (@TeamSolidCH) May 21, 2025
Demain sera meilleur #WeAreSwitzerland pic.twitter.com/HYS1LTb3k2
Counter-Strike 2 Female – Fortschritte im Spiel, aber doch kein Happy End
Für das Frauen-Team gab es in diesem Jahr eine Direct Selection: Ein vom Verband ernannter Coach sichtete Bewerbungen, führte Tryouts durch und stellte das Line-up zusammen. Tamara aka Chira, selbst Teil des Rosters und zeitweise als Stand-In aktiv, schildert die Herausforderung:
„Das Level im Team war sehr unterschiedlich. Wir haben mit Basics wie Crosshair Placement angefangen und uns bis zu kompletten Map-Setups hochgearbeitet. Das hat Fortschritte gebracht – nur leider nicht im Scoreboard.“
Besonders bitter war die knappe Niederlage gegen Rumänien. Auch technische Probleme gleich zu Beginn des Turniers – unter anderem ein kurzfristiger Spielerwechsel wegen Ausfall – kosteten Momentum und Sicherheit. Trotzdem hebt Tami den Teamgeist hervor: „Es gibt praktisch keinen Tilt in diesem Team. Wir sind in jede Runde motiviert reingegangen.“
Switzerland's last hope for the IESF 2025 Season 🍀
— Swiss Esports Federation (@swissesports) May 25, 2025
Our #CS2Women play Wednesday – Friday
👉4 out of 5 in the group proceed to the 2nd phase, which takes place on the weekend pic.twitter.com/8DshxNqmjV
Auch in dieser Disziplin zeigte sich: Der internationale Speed und die Spielroutine der Gegner waren der Schweiz überlegen. Leider gingen wir auch hier ohne einen Sieg nach Hause.
Dota 2 – spontane Auswahl, harte Realität
Das Schweizer Dota 2 Team wurde ebenfalls per Direct Selection nominiert. Coach Marco aka erklaerbaer wollte vor allem sicherstellen, dass die Schweiz überhaupt vertreten ist, und setzte auf ein random Team aus Schweizer Talenten, zentriert um Captain Intergraphic.
Die Vorbereitung war minimal: keine landesweite Qualifikation, wenig Scrim-Zeit, dazu Ausfälle durch Militärdienst und Verletzungen – keine tolle Ausgangslage also. Daran liess sich in so kurzer Zeit sowieso nichts ändern; also ging die Schweiz mit einem lockeren Mindset ins Turnier und wurde dementsprechend schnell daran erinnert, dass Dota nicht mehr dasselbe Spiel wie noch vor mehr als 10 Jahren ist.
„Wir hatten uns mehr erhofft. Es lag mehr drin, aber die Umstände und die fehlende gemeinsame Praxis haben uns gebremst“, so erklaerbaer.
Die Botschaft des Coaches ist deutlich: „Die Schweiz hinkt strukturell hinterher. Wir brauchen endlich Anerkennung und Förderung – andere Länder, sogar die Mongolei, sind uns hier voraus.“ Eine nationale Dota-Liga könne seiner Meinung nach neue Talente anziehen und das Skill-Level steigern.
Just two more days until @iesf_official 's #EEC25 Qualification is kicking off ⏳ The 🇨🇭#Dota2 Champions 👇 pic.twitter.com/FUUSHU5PYl
— Swiss Esports Federation (@swissesports) May 14, 2025
Fazit – Talent allein reicht nicht
Ob CS2 oder Dota 2: In allen drei Wettbewerben wurde klar, dass die Schweiz international nicht an die Spitze herankommt. Der Grund ist weniger fehlendes Talent, sondern ein strukturelles Defizit: zu wenige aktive Spieler auf hohem Niveau, kaum nationale Ligen, wenig professionelle Förderung und ein noch immer fragmentiertes Ökosystem.
Die Verantwortlichen aller drei Disziplinen ziehen ein ähnliches Fazit:
- Frühzeitige Teamzusammenstellung statt Last-Minute-Roster
- Mehr Trainingszeit und strategische Vorbereitung
- Förderung durch Verbände und Politik
- Regelmässige nationale Turniere zur Talententwicklung
Trotz der Rückschläge bleibt die Motivation hoch. „Mein Ziel ist, dass wir uns irgendwann für die Weltmeisterschaft qualifizieren. Dafür müssen wir uns Jahr für Jahr steigern“, sagt Anton.
Die IESF European Championship 2025 war aus Schweizer Sicht kein sportlicher Erfolg – aber eine Erinnerung daran, dass ohne eine breitere Basis und gezielte Förderung auch in Zukunft nur selten grosse Siege möglich sein werden.
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